Der Winzer Conte di Cavour

Camillo Benso Conte di Cavour

Graf Camillo Benso di Cavour war nicht nur der große Staatsmann, den alle kennen, sondern auch ein geschickter landwirtschaftlicher Unternehmer, der ab Mitte des 19. Jahrhunderts auf seinem Gut in Grinzane innovative Anbautechniken einführte.

Man schrieb das Jahr 1832, als Camillo Benso mit 22 Jahren nach Grinzane kam, ein intelligenter, dynamischer junger Mann mit innovativen Ideen.

Vielleicht zu sehr für jene Zeit, denn in Turin hatte sich das Gerücht verbreitet, er denke liberal und sympathisiere mit der französischen Revolution.

Um Schwierigkeiten zu vermeiden, beschloss sein Vater Graf Michele, ihn aus der Stadt nach Grinzane zu schicken, wo er sich nicht nur im lokalen Verwaltungsleben engagierte, denn er wurde Bürgermeister des Dorfes, sondern auch und mehr noch im Wirtschaftsleben, den er verwaltete das große Gut Cavour mit seinen 542 piemontesischen Tagewerken – rund die Hälfte des ganzen Gemeindegebiets.
Damals betrugen die Besitztümer der Cavour in der Langa mehr als zweihundert Hektar Land, abgesehen vom Schloss, der Mühle, fünf Bauernhöfen in Halbpacht und zwei direkt geführten Höfen.

Wertvolle Informationen über die Geschichte des Gutes Cavour in Grinzane lassen sich der Korrespondenz entnehmen, die zwischen 1845 und 1853 fast wöchentlich zwischen dem Sekretär der Cavour, Carlo Rinaldi, und dem Gutsverwalter, Giovanni Bosco, gepflegt wurde.
Camillo Benso di Cavour war immer stärker davon überzeugt, wie wichtig eine moderne Landwirtschaft für die wirtschaftliche Entwicklung des Königreichs wäre, und wollte mit gutem Beispiel vorangehen: So leitete er eine Verbesserung des Anbaus auf seinen Gütern ein, in der Hoffnung und mit dem Ehrgeiz, dass das Modell bald Schule machen würde.

Cavour hatte schon 1836 den Marchese Pier Francesco Staglieno zu seinem Berater gemacht, der sich in der napoleonischen Zeit als General hervorgetan und auf dem Schlachtfeld die Ehrenlegion errungen hatte. Diesem Mann, der von großer Kenntnis und Leidenschaft für den Weinbau beseelt war, vertraute Cavour die Weinbereitung in Grinzane an. Staglieno war sich der Probleme durch die veralteten Landwirtschaftstechniken und der Grenzen und Mängel der piemontesischen Weine bewusst und machte sich sofort an die Arbeit.
Ihm werden mehrere wesentliche Neuerungen zugeschrieben: die Gärung in geschlossenen anstatt in offenen Fässern, um die Oxidation des Mostes zu verringern; die Verwendung von Schwefel, um den Wein länger aufbewahren zu können; der Kauf neuer Fässer in verschiedenen Größen (bis 44 Hektoliter). 1837 stellte Staglieno seine Beobachtungen und önologischen Kenntnisse in dem Buch „Istruzioni intorno al miglior modo di fare e conservare i vini in Piemonte“ zusammen.

Ende der dreißiger Jahre waren die Weine des Gutes von Conte Cavour bereit, um den Markt zu erobern. Sie wurden im ganzen Königreich Sardinien verkauft.
Es handelte sich fast sicher um den losen Verkauf: Der Wein wurde in den typischen „Carrà“, großen ovalen Transportfässern, den Weinhändlern geliefert, die ihn in ihre Fässer umfüllten. Dann kam er in Ballonflaschen und von hier in den losen Verkauf oder den Ausschank in Karaffen.
Es gibt also aus diesen Jahren keine genauen Angaben zu einem spezifischen Barolo-Wein mit Flasche und Etikett, wie wir es heute kennen.
Aber der Weinbau war die vorrangige Tätigkeit des Gutes, und in den Briefen von Bosco an den Sekretär von Cavour kann man den ganzen Prozess verfolgen, vom Pflanzen der Rebstöcke und dem Beschnitt bis zur Lese, vom Wiegen der Trauben im Wiegeraum des Schlosses über die Destillation von Aquavit und Vermouth bis zum Verkauf der Weine.

Il vignaiolo Conte di Cavour - Azienda Agricola Le Ginestre

Ein französischer Weinhändler, der in Genua wohnte, ein gewisser Louis Oudart, kam als Weinberater ins Haus des Conte Cavour.
Ein Vertrag, der am 13. November 1847 datiert ist, bezeugt, dass Cavour sich verpflichtete, seine ganze Traubenproduktion an die Firma „Oudart und Bruché“ zu verkaufen, die sie dann auf eigene Kosten keltern sollte.
Damit nahm „der Franzose” die Zügel der Weinbereitung im Hause Cavour in die Hand. In einem Brief vom Januar 1847 schickte der Gutsverwalter Giovanni Bosco dem Grafen Proben des alten Weines, wobei er deutlich auf „zwei Fässer des Franzosen“, also eben Oudart, Bezug nahm, und eins von Staglieno. Das Fass des Franzosen war von 1843, ist also vier Jahre alt, wie es sich für einen Barolo geziemt, während noch ein Rest von „zwölf Brenten Rotwein alla Staglieno“ vorhanden sein sollte, dieser war also süßer.
Das Zitat bezeugt, dass die beiden Berater auch gleichzeitig im Hause Cavour tätig waren und jeder seinen eigenen Stil entwickelte: Der Italiener strebte einen jungen, süffigen Nebbiolo an, wie es der gängigen Mode entsprach, während der Franzose einen trockeneren, älteren Wein nach dem Bordeaux-Modell bevorzugte.
Wahrscheinlich bestanden beide Systeme einige Jahre lang parallel, wobei Oudart den Teil der Produktion leitete, der für seine Firma bestimmt war. Darunter werden auch ein weißer Nebbiolo und der Vermouth genannt.

Wie Staglieno bemühte sich auch Oudart um verschiedene Verbesserungen im Keller, vom Bau neuer Fässer bis zu normalen Reparaturen, aber vor allem bestand er auf häufigem Abstich. Aus dem Briefwechsel geht außerdem das ungeduldige Warten auf die Lese hervor, die noch nach den alten Gemeindevorgaben festgelegt wurde. Zudem werden alle Verfahren für die verschiedenen Arbeitsgänge der Winzer verzeichnet.
Dabei beeindruckt die außerordentliche Organisation des Verkaufs mit der Abtretung der Trauben von Cavour an „Maison Oudart e Bruché“, die anschließende Weinbereitung, die von Oudart selbst geleitet wurde, der Verkauf großer Partien an Gasthäuser und Patrizierfamilien in Turin und anderen Städten im Piemont sowie über die Lager des Weinhändlers auch in Genua und im Ausland.
Eine weitere äußerst wichtige Neuerung war der Kauf der ersten 1000 Glasflaschen aus Frankreich. Im Jahr darauf wurde die Abfüllung von 100 Flaschen „alten Weines von 1844” verzeichnet. Das ist wahrscheinlich der erste Barolo-Jahrgang, der in Flaschen abgefüllt wurde: 1844 begann damit die moderne Geschichte des Barolo und seiner Jahrgänge.

Es ist also sicher, dass in Grinzane das berühmte Mitglied der Landwirtschaftsakademie in Turin, Paolo Francesco Staglieno, mehrere Jahre lang als Weinbauberater tätig war, während in der Zeit des Gutsverwalters Giovanni Bosco der Franzose Louis Oudart hochmoderne Techniken einführte, der von 1843 bis 1851 in Handelsbeziehungen zum Hause Cavour stand.
Die wirtschaftlichen Aspekte der Zusammenarbeit sind in dem Vertrag für den Traubenverkauf der Lese 1847 angegeben. Noch 1850 erwarb das Winzergeschäft von Oudart in Genua insgesamt fast 450 Doppelzentner Trauben verschiedener Sorten (Nebbiolo, Dolcetto, Barbera und andere).
Die Korrespondenz mit dem Gutsverwalter Bosco wurde Ende 1852 eingestellt. Gerade rechtzeitig, um zu erfahren, wer der neue Käufer für die Trauben von Gut Grinzane war – ein gewisser Herr Bottero aus Turin.

Und so ist die Geschichte des Barolo mit der Geschichte des Risorgimento und der Einheit Italiens verknüpft. Cavour, Silvio Pellico, Carlo Alberto, Vittorio Emanuele II, die Grafen von Mirafiori tauchen unter den Urhebern oder passionierten Kennern von Barolo auf und trugen in verschiedener Art zur Entstehung und Durchsetzung dieses großen Weines bei, der aus einer einzigen Rebsorte – Nebbiolo aus den Hügel der Langa – gekeltert wird. Wir können also behaupten, dass der dynamische Graf von Cavour maßgeblich an den Strategien und wirtschaftlichen Maßnahmen beteiligt war, um einen großen Wein zu kreieren, der dem Vergleich mit den edlen französischen Weinen standhalten sollte.

 

Luigi Cabutto